Fußballphilosophen

Ich halte absolut nichts von Fußball, oder eigentlich, es ist der Bereich, in dem ich so gar keine Meinung habe, mir nie eine bilden wollte – bisher. Meinem allgemeinen sportlichen Desintresse ist es geschuldet, dass ich seit ich denken kann und daher mittlerweile unbewusst das systematische Nichtwissenwollen forciere (praktisch: Sportteil wird vor dem Lesen als erstes aus der Zeitung sortiert). Vielleicht liegt es an der Sprache, vielleicht an der Ästhetik die ich als Ausdruck des Fußballs noch einmal mehr nicht teile. Sicher müsste man der Fairness halber Körperliches und Verbales der Fans, von dem der Sportler/innen selbst getrennt betrachten und ferner die dritte Gruppe der Sportberichterstattung, welche (auch das wieder eine Bioimplikation meinerseits) oft schmerzhaft provinziell ausfällt.

So überhörte ich und doch auch nicht die gestrigen Beglückwünschungen seitens einer Kassiererin gegenüber einem Secondhand-Trikot-Käufer: „na dann, viel Spass heute Abend beim Spiel!“. Naturgemäß habe ich den Auftakt als dann nicht verfolgt, im Zurückradeln von einer abendlichen Filmveranstaltung holte mich die Realität doch ein, wonach ich dann ordnungsbürgerlich empört (und bestärkt durch die beliebte Verwechslung von Sport und Faschismus) ausrufen könnte: blockierte Radwege durch Publicviewer/innen, das geht ja gar nicht! Oder aber: scheinbar hat es mit dem affektierten Bäuchereiben etwas auf sich, sodass sich eine Betrachtung – wenn auch nicht die des Spiels als Spiel, doch aber die jenes sich abspulenden, gesellschaftlichen Theaters – lohnen könnte.

Lange Vorrede, nun zu einem Audiobeitrag, zu dem ich mich dann doch noch hin- und einwenig mitreißen konnte, das Kulturgespräch: Weltmacht Fußball 2010 im dradio. Über die Politik im Fußball, FIFA, Patriotismus, Poesie. Mit von der Partie sind Detlef Claussen, Gunter Gebauer, Volker Kronenberg – falls die jemand kennt.

Lynchen

Am Anfang stand die Suche eines jungen Dokumentarfilmers, Filme wie David Lynch zu machen, hinter das Geheimnis dessen faszinierenden Oeuvre zu kommen, was zweifelsfrei als solches bezeichnet werden kann.
„Ich wollte eigentlich abgründige Filme machen wie mein Vorbild David Lynch. Aber irgendwie fehlten mir die Abgründe“, so David Sieveking. Dass er alsbald wirkliche Abgründe ganz anderer, sehr profaner, weil monetärer und den freien Willen prostituierender Art entdecken würde, das hätte er wahrscheinlich nicht vermutet. Nämlich machte Sieveking die Entdeckung, dass Lynch ausgerechnet den Erfinder der fortfolgend ‚TM‘ genannten Transzendentalen Meditation, Maharishi Mahesh Yogi, zu dessen Inspiration rechnete. Um die eigene Arbeitsweise zu verbessern, zu reflektieren, hatte er nun auf den Kern dieses Lynch’schen Stein des Weisen, TM genannt, zu kommen. Anstelle der erhofften, sich einstellenden Erleuchtung stellte sich dieses Vorhaben jedoch zunehmend als Pandora’sche Büchsenöffnung dar. Nicht nur, dass es nicht ziemte, mit Aussteiger/innen des TM und damit Abtrünnigen des güldenen New-Age-Käfigs zu reden. Der Stein der Weisen offenbarte sich schließlich in ganz unmagischen, materialen Steinen, die dem Dokumentarfilmer nun bei seiner weiteren Recherche in den Weg gelegt wurden. Der kritische Geist konnte die Zäune der Gebetscamps und indischen Headquarter am Ende nicht wegtranszendentieren.
Am Ende bliebe zu fragen, wie ein ungetrübter Genuß der Lynch-Filme vortan möglich sei.

this years summer flag weaves for: Raymond Carver

„[…] Once I lay on the bank with my eyes closed,
listening to the sound the water made,
and to the wind in the tops of the trees. The same wind
that blows out on the Strait, but a different wind, too.
For a while I even let myself imagine I had died –
and that was all right, at least for a couple
of minutes, until it really sank in: Dead.
As I was lying there with my eyes closed,
just after I’d imagined what it might be like
if in fact I never got up again, I thought of you.
I opened my eyes then and got right up
and went back to being happy again.
I’m grateful to you, you see. I wanted to tell you.“

(-For Tess, Raymond Carver)

„If I‘d stay longer, I‘d totally invest in this tenniscourt!“

Heute im Zug. Unterhalten sich Drei, sagt die Eine:
„this is the longest I‘ve ever been from home now“. Die Andere „Oh admirable – have a look at these [pictures]“ – „I never thought he would be that kind of guy, responsable, raising kids“. Hands over the camera. Der Dritte im Bunde: „we must see Gritzing, this time, again“. The first: „Oh right now I so wanna ein Schnitzel essen“. „You are so lazy, should do more, lately“. The Other: „right over there is where Alinas house — it’s to nice“. The first: „see the street? it‘ s kind of an bitchy area — all the prostitutes seem to have the same – name it – ‚pimp‘, for they all wear these incredibly ugly shoes…“…“Don‘t judge on Avatar, have you seen it at all? – just a modern Pocahontas, that is exactly, what it’s like“.

-gdm

Zum Film Syndromes and a Century von Apichatpong Weerasethakul

Künstliche Innenbeleuchtung teilt sich die Filmminuten mit saftigem, aus sich selbst leuchtendem Chlorophyll – kombiniert mit klarer, tageslichtiger bis leerer, nachtgeschwärzter Luft.
Als die junge, medizinische Doktorin in zwei unabhängig von einander gezeigten Einstellungsgesprächen Arztanwärter fragt, mit welcher Form – Kreis, Dreieck oder Quadrat – sie sich am besten identifizieren könnten, antwortet der eine wie der andere mit ‚Kreis’. Auch in der anschließenden Antwort auf die Frage nach der Farbe jenes Kreises stimmen beide überein: ‚keine Farbe’ würde er haben, ‚leer’ würde er sein – ebenso ‚wie Glas’.

Syndromes and a Century, dieser Film von Apichatpong Weerasethakul, der vom thailändischen Original saeng satawăːt ausgehend, eigentlich mit Light of the Century übersetzt hätte werden müssen, zeigt ein weiteres Unterfangen via Film Erinnerungs-Topoi einzufangen. Diese möchte ich bei meiner Betrachtung herauspicken, liegt darin derzeit mein Hauptaugenmerk, aber auch umgekehrt, vom Medienstanpunkt her, hege ich eine Ahnung, für die zunehmende Eignung des Mediums Film sich dem ‚Themenkomplex Erinnerung und Gedächtnis‘ in dessen spezifischen Darstellungsmöglichkeiten anzunähern.
Nicht schon Geschichte erzählen, Lücken von visuellen Eindrücken mit Narrativen zuquasten, das können nicht viele Regisseure, denn, so scheint es, ist doch die ‚gute story’, gespeist von dramatischen Amplituden meist das, was einen Film so gut ‚runtergehen’ lässt.
Eine Spur auf weichem Grund zu fixieren, aber nicht erstarren – jeden Raum für anders mögliches Sinnverstehen zu nehmen – zu lassen, kann Film ohnehin besser als ein isoliertes Bild, etwa der Fotografie, dennoch wäre die Frage auch an das Konzept von Installation zu stellen, der filmografischen Struktur darin.

In Syndromes ist es das Leben der Menschen was die Zeit-Raum-Achse aufzuheben scheint, als Immergleiches abläuft – im Gegensatz zum Licht. Christian Hawkeys Vers, sinngemäß; ‚light never gets bored with the world/ confession: I do/ with light, never the world’, müsste genau ins Gegenteil verkehrt werden, konzipiert Apichatpong es im Film nämlich als Wandel ermöglichendes Element. Die Farben, das Licht was sich bricht, werden im Beiheft zum Film mit frisch aufgeschnittenen Früchten verglichen, was den Lichtcharakter als Legierung von Inspiration und Wesensgleichem treffend beschreibt. Spinnt man dieses, auf die Erinnerung übertragen fort, kann man Licht die Rolle der Muse zuweisen – und die daran gehefteten, filmisch dargestellten Erinnerungen erscheinen als eine Version von Mnemosyne. Apichatpong selbst beschreibt dann auch seine Arbeitsweise mit den Darsteller/innen (dabei legt er Wert darauf, Laien zu verwenden), als eine, deren ästhetisches Ergebnis nicht darin liegt, eine vorgegebene Rolle wiederzugeben, sondern, das diese sich selbst als eine Version wiederzugeben.

Das antinarrative, filmische Prinzip findet meine vollste Bewunderung – in geschichtsphilosophischer wie ästhetischer Sicht: Apichatpong Weerasethakul kritisiert das Überhandnehmen von Intuition (als mediale Logik in einer Zeit der permaneneten Übertragung) und schafft einen Zeit-Raum, der vielmehr Reflexion ermöglicht.

Zum Trailer hierentlang.

Über Tauben fallen mir Geschichten ein, Tauben haben oft mein Wohlgefühl erheblich gestört, vor Tauben habe ich manchmal Angst.
Arnika Müll zeigt (nicht nur) das: sie können auch ganz drollig sein, fordert man sie.

Diese Zeichnungen Mülls hatten mich doch tatsächlich heute dazu gebracht Wittgensteins Traktate endlich zu kaufen und ich muss sagen: Er ist schon so einer von den Lachphilosophen wie jener selige Bernhard unter der Sonne Mallorcas sagen würde (ab 6:17 min.).

Lamm

via

Besonders sehenswert unter den Filmen die sich mit irgend geartetem, lax formulierten ‚metaphysischer Terror‘, ferner Glaubenskrisen beschäftigen und auch im dramaturgisch-ästhetischen Sinne sehenswert sind wären der Stummfilm Die Passion der Jungfrau von Orléans (La passion de Jeanne d‘Arc, 1928) von Carl Theodor Dreyer und Igmar Bergmanns Nattvardsgästerna (Winterlight, 1962). Weitere Verweise willkommen!

Das Poetische ist…Widerständigkeit in Falten.

Abstract

Mathias Svalina fürchtet das Wagnis, dem Hyperbolischen anheim zu fallen, wenn er Christian Hawkey als „superhero […][who] can do things in poems that normal humans can not do“1 zeichnet, nicht ernsthaft.
Auch ich sehe dazu keinen Anlass, wobei mich – jenseits der anrüchigen Konnotionsspielräume in die uns der bloße Wortgehalt von ‚Heldenhaftem’ leicht zu entführten vermag – jene neue Dimension der Subjektivierung (und somit auch dessen, was als heldenhaft gelten darf) interessiert, die Christian Hawkey eröffnet.
Ein Bild was in Rezensionen als ein gewissermaßen Motiv Hawkeys vielfach auftaucht ist das der ‚elastischen Haut von Oberflächen’: „In ihren Falten entziehen sich Subjekte den Forderungen nach Identität oder Zugehörigkeit und bewahren eine Instabilität, die auch als ästhetische Antwort auf politische Zumutungen zu verstehen ist.“
Indem sich Hawkey dieser Haut widmet, sich ihr quasi einschreibt, macht er Erfahrungen, die das prozessierte Herausschreiben gleichsam als transformatorischen Akt erscheinen lassen.

Die Folgerungen, die sich für Poetik und ästhetischen Ausdruck schlechthin ergeben, nicht zu vergessen, wie diese in Herrschaftsdiskursen zu verorten wären, beschreibt er selbst:

Why would I prefer to describe the poetic by inventing, like Gödel and his theorem, another language alongside this language? Wouldn’t this be, in fact, a poem — one definition of how poems operate? Why would I rather point toward a photograph of someone standing in a flooded field, chest-high in water, holding a rescued Nigerian Dwarf goat! Why would I rather construct a diagram showing how poems that insist on language as a mode of experience (as opposed to being reports on or records of some “felt” experience in the past) are usually the poems where the most interesting thinking is taking place, where the discourses of power that traverse language and body are most effectively resisted, dismantled, defused, or re-fused in a way that extends new and more just conceptions of the human into the world? Why do I distrust every word in that sentence! Is it because the art of the revolution must never represent the revolution? Yes!

2

Auf der Plattform lyrikline.org finden sich u.a. eine stattliche Auswahl von Hawkeys Lyrik, von ihm gelesen und zum sofort Lauschen.

Bisher ist von ihm Reisen in Ziegengeschwindigkeit (deutsch-englisch) im KOOKbook Verlag erschienen. Sehr zu empfehlen!

  1. http://www.octopusmagazine.com/issue09/main.html [zurück]
  2. Christian Hawkey on describing the poetic, http://lyrikline.wordpress.com/2010/03/19/christian-hawkey-on-describing-the-poetic/, 28.04.10 [zurück]

Ordnung delight


Was der deutschen Disziplinarmacht (Foucault berichtete, Norbert Elias übrigens auch) peripherer Ausgeburten Zuspitzung in ‚Harry und Toto’ fand, ist beim Nachbarn Österreich auf dem besten Wege.

Derweil ergänzen sinnig, sinnsuchende Ordnungsberater/innen das Serviceangebot:

„Die 40-Jährige mag ihre Arbeit gern. Besonders gut gefällt ihr der direkte Kontakt mit den Menschen. ‚Und ich finde es schön, Lösungen für Konflikte zu suchen.’“

Damit Alle die gute Absicht dieses Angebots vollends verinnerlichen, ist die schönste Blume im Sanktionenstrauß die ‚Delogierung’, angewendet gegen widrige Taubenfütterung, Allzutierisches wie Kot oder auch Hausrat im Haus(!)flur, Quarzen auf Spielplätzen.

Dabei stellen diese Organe in der Beschäftigungszahl nur einen geringen Teil der ‚Wiener Ordnungshüter’ (definiert als ‚zivile und uniformierte Wachorgane’) dar, so rangieren sie mit 23 Organen an dritt letzter Stelle, noch vor den nur 17 Grillmeistern (definiert als: „Mehrsprachig, interkulturelle Konfliktvermittler, Problemloser an öffentl. Grillplätzen“) und 15 Wiener Naturwächtern.
Den Löwenanteil stämmen „360 Waste-Watcher: davon 50 hauptberuflich, ahnden Verstöße gegen das Reinhaltegesetz“ und davor „580 (Mobile) Stationswarte: Sorgen in Haltestellen für Ordnung“.

„‚Ab und zu ein Auge zudrücken, muss aber schon sein‘: Alten Menschen, die sich schwer bücken könnten, oder Kindern
will Böhm wegen nicht weggeräumter Hundstrümmerl keine Strafen aufdrücken.“

Zu mild? Konsequent nur ist, wer an dieser Stelle das fair play in Gefahr sieht und Kritik übt.

Nicht unterschlagen wollen wir unterdessen denn auch den interdisziplinären Charakter dieser organisierten Unternehmung, kann diese Installation nämlich als Brückenschlag deutsch-österreichischer Völkerverständigung verstanden werden – so habe der ‚große Bruder’ wesentlich zum Aufbau der Ordnungsberater/innenschaft in Wien angeregt (Interpretation eines Hiesigen).

  1. http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3902&Alias=wzo&cob=488198 [zurück]

verreißen, die zweite

Intercidades

Da waren Furchen im Sand und ein Schatten vom Stier
wo metrische Punktwolken bildende Kiefern
(Hörner, die den Grund des Salzwassers umgraben)
magere Kühe im Olivenhain versprengt
Fleischbrühe windet sich durch aufgeplatzte Grasnarben.

früh trinken wir Absinth
und sind des abends w-a-h-r-h-a-f-t-ig sehend
das Licht ist die Flüssigkeit die uns
ständig, katheterartig erhält
kaffeedunkle Ruhepausen inbegriffen
in denen Mosaike in kalkweiß und tiefseeblau
um unsere Hüften rauschen
während Behausungen in das zerfallen worum sie selbst
nie Hehl noch Trug Anlass gaben: Sedimente.

- gdm (2010)